POLITIK 


DIE STARKE SOZIALPOLITIK UND
WACHSTUM DER SOZIALEN AKTIVITÄT
DER BEVÖLKERUNG

In einer Periode der Herausbildung der Nationalstaatlichkeit, der Durchsetzung von demokratischen Reformen, der Umgestaltung der Wirtschaft und des Übergangs in die Marktwirtschaft muß den sozialen Problemen besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Die Geschichte lehrt, daß gerade in entscheidenden Wendezeiten, wenn sich ein Wechsel der gesellschaftlichen Verhältnisse vollzieht, die sozialen Probleme und Widersprüche besonders verschärft zutage treten und zu einer potentiellen Bedrohung der nationalen Sicherheit, des sozialen Friedens und der Stabilität werden können.

Wodurch wird dies bewirkt, welche Hauptursachen machen es erforderlich, den Problemen der sozialen Stabilität in der Übergangszeit besondere Beachtung zu schenken? Die wichtigsten Ursachen sind nach meiner Ansicht folgende:

Erstens: Soziale Widersprüche haben im Grunde schon immer bei politischen, sozialen und ökonomischen Umwälzungen als Triebkraft gedient. Von der Verschärfung der sich anstauenden sozialen Probleme und von der Fähigkeit der Machtstrukturen, diese Probleme zu lösen, hängt letztendlich der Charakter der eigentlichen Veränderungen ab - entweder Schritt für Schritt durch eine allmähliche Entwicklung oder durch radikale Formen, wie gesellschaftliche Proteste, spontane Gewaltakte bis hin zum Bürgerkrieg und zur Revolution.

Die Ignorierung der sozialen Stimmung in der Bevölkerung und der gesellschaftlichen Probleme birgt in allen Etappen der Entwicklung eine potentielle Gefahr für die Stabilität und die nationale Sicherheit in sich.

Zweitens: Eine ganz entscheidende Bedeutung kommt der Verwirklichung der sozialen Motivation der Menschen zu. Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen, deshalb ist für ihn von größter Bedeutung, inwieweit er im Stande ist, im Reformprozeß sein Potential zu verwirklichen und inwieweit seine Vorstellungen vom Sinn und den Zielen der Reformen mit den realen Ergebnissen übereinstimmen.

Den Menschen ein würdevolles und freies Leben zu ermöglichen, den Wohlstand der Menschen unserer Erde zu sichern, alle notwendigen Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß jeder Mensch seine Rechte genießen und seine potentiellen Chancen verwirklichen kann - das sind doch die wichtigsten Aufgaben, die wir uns bei der Umgestaltung und Erneuerung unserer Gesellschaft stellen. Und gerade deshalb ist für uns eine Rückkehr zu dem alten totalitären, ideologisch geprägten Kommando- und Vertellungssystem mit seiner Gleichmacherei, dem eine gesunde Basis für die Motivation zur Arbeit fehlte, einfach undenkbar.

Wenn man bedenkt, daß es in der Übergangszeit zur Erreichung des Endzieles - nämlich Demokratisierung der Gesellschaft und Durchsetzung der Marktwirtschaft - auch notwendig ist, unpopuläre, ja sogar radikale Entscheidungen zu treffen, die in manchen Entwicklungsphasen zu einer Verschlechterung der materiellen Situation der Menschen führen können, so wird verständlich, welche Bedeutung den Maßnahmen zur Unterstützung der sozial schwachen Bevölkerungsschichten zukommt, um die Emotionen zurückzuhalten.

Wie schon weiter oben erwähnt wurde, können bürokratische Verzerrungen des eigentlichen Anliegens der Reformen, Verstöße gegen die soziale Gerechtigkeit, Korruption auf den verschiedenen Ebenen der Macht zu gefährlichen sozialen Widersprüchen führen, welche die ohnehin schon angespannte Lage der Bevölkerung noch verschärfen.

Das bietet einen guten Nährboden für die nostalgische Beschönigung der Vergangenheit und gibt Bewegungen in allen möglichen Schattierungen neuen Auftrieb - von reaktionären national-patriotischen bis zu liberal-sozialistischen. Die ständige Aufheizung der sozialen Unzufriedenheit der Bevölkerung aus eigennützigen und politisch engstirnigen Interessen kann nur dazu führen, den sozialen Frieden, die Stabilität und Sicherheit zu bedrohen.

Drittens: Am schwierigsten, ich würde sagen, geradezu "explosionsgefährdet", ist in einem langen und tiefgreifenden Reformprozeß die Anfangsphase. Das kommt nicht nur daher, weil die Übergangszeit selbst einen ganzen Komplex von sozialen Problemen mit sich bringt und dieser gewaltige soziale Sprengstoff weiter mitgeschleppt werden muß, sondern auch daher, daß der Übergang von einem politischen und wirtschaftlichen System zum anderen neue Schwierigkeiten hervorbringt und mit bestimmten Sozialausgaben verbunden ist.

Wie die Erfahrungen in vielen Ländern zeigen, verläuft der Übergang zur Marktwirtschaft keineswegs reibungslos und ohne Schwierigkeiten oder soziale Spannungen. Das ist eine objektive Tatsache.

Die Liberalisierung der Wirtschaft, die besonders "schockierende" Freigabe der Verbraucherpreise und Tarife, der Rückgang der Produktion, die Verschärfung der Zahlungsunfähigkeit, die Störung des Geldumlaufs führte in den meisten der unabhängig gewordenen Staaten zu einem plötzlichen Anstieg der Verbraucherpreise, zur Entwertung der Ersparnisse, zum Absinken des Lebensstandards bei großen Teilen der Bevölkerung und zu einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen bzw. teilweise Arbeitslosen. Wenn die notwendigen Präventivmaßnahmen zum sozialen Schutz und zur Unterstützung der Bevölkerung in dieser Zeit fehlen, kann dies dazu führen - und es hat in einigen Ländern bereits dazu geführt -, daß ganze Bevölkerungsschichten verelenden und zu Land- bzw. Stadtstreichern werden, was natürlich Erscheinungen der sozialen Instabilität reichlich Nahrung gibt.

Viertens: Ein akutes soziales Problem in der Übergangsphase ist für viele Menschen der Bruch ihrer gewohnten Lebensweise, die Veränderung der Lebensorientlerung, der Denkmuster und des sozialen Verhaltens, der Wegfall der sogenannten "Rentnerhaltung" (Erwartung einer Versorgung durch andere). In der Übergangszeit kommt es zu Veränderungen in der Psychologie des Denkens, was bekanntlich nicht immer schmerzfrei vor sich geht.

Mehr als drei Generationen sind unter den Bedingungen der ehemaligen Sowjetunion mit ideologischen Dogmen aufgewachsen, die nicht nur das Privateigentum mißachteten und zu einer selbständigen Wirtschaftstätigkeit unfähig waren, sondern denen eine Ideologie anerzogen wurde, die auf dem zentralen Verteilerprinzip und auf verlogenen Vorstellungen vom Begriff der sozialen Gerechtigkeit beruhten.

In der Übergangszeit verschärfen sich die Widersprüche zwischen dem alten und dem neuen Denken, zwischen den Wertvorstellungen der Vergangenheit und Gegenwart ganz erheblich.

Wir haben die Aufgabe, eine im Kern neue Generation heranzuziehen, die den geistigen Reichtum unseres Volkes und die positiven Errungenschaften der Weltzivillsation in sich aufnimmt. Allein auf dieser Basis, wenn viele sich dieses hochgesteckte Ziel zum Lebensinhalt machen, kann man jene Haltung des bewußten patriotischen Aufbruchs einer Nation erzeugen, die die einzelnen Länder befähigt, den Sprung nach vorn zu schaffen.

Die verschiedenen Formen der Ungleichheit stellen in den Ländern eine Bedrohung für die soziale Stabilität dar, wenn sie einmal groß genug sind oder die Tendenz zum Wachstum zeigen. Die Schärfe der sozialen Probleme besteht nicht darin, ob jemand arm oder reich ist, sondern darin, daß ein zu großer Riß zwischen den sozialen Schichten entsteht, was unweigerlich zu einer Oppositionshaltung führt.

Wenn eine Gesellschaft aus Gruppen mit völlig entgegengesetzten Interessen und Bestrebungen besteht, so ist es völlig klar, daß ständig die Gefahr des sozialen Widerstandes besteht. Und dies bedeutet eine Bedrohung der nationalen Sicherheit. Eine extreme Verschärfung der sozialen Widersprüche kann zum Verlust der sozialen Stabilität der Gesellschaft, zu inneren Konflikten und sogar zum Bürgerkrieg führen.

Darum besteht in der Übergangszeit die vorrangige Aufgabe eines demokratischen Staates darin, die scharfen sozialen Gegensätze zu neutralisieren und durch entsprechende Maßnahmen die unvermeidlichen Schwierigkeiten dieser Phase zu mildern und die Menschen an die neuen Lebensbedingungen zu gewöhnen. Und darin besteht gerade auch einer der größten Vorzüge, der die Politik Usbekistans im Vergleich zu anderen Staaten, die den Übergang zur Marktwirtschaft vollziehen, auszeichnet.

Ein Staat, dem es gelingt, Antworten auf komplizierte Fragen zu finden, wie den gesellschaftlichen Konsens zu finden und das soziale Gleichgewicht - und damit auch das Einvernehmen zwischen den Nationalitäten - zu erlangen, kann auch mit einem stabilen demokratischen und wirtschaftlichen Entwicklungsprozeß rechnen.

Den sozialen Konsens finden - das heißt, daß keiner der sozialen Widersprüche und Ungleichheiten so weit geht, daß sich ganze Bevölkerungsgruppen und -schichten benachteiligt oder in ihren Rechten eingeschränkt fühlen.

Deshalb ist eines der Leitprinzipien, auf dem der eigenständige Weg Usbekistans zur Erneuerung und zum Fortschritt beruht, die Gestaltung einer starken Sozialpolitik. Dies ist die wichtigste Bedingung und Gewähr für die erfolgreiche Durchführung der demokratischen und wirtschaftlichen Reformen und für ihre Unumkehrbarkeit.

Die Gewährung zuverlässiger sozialer Garantien und sozialer Sicherungsmaßnahmen für die Bevölkerung hat in allen Phasen der marktwirtschaftlichen Umgestaltung stets die Priorität und bestimmt die anderen Richtungen des umfangreichen Erneuerungsprozesses unserer Gesellschaft.

Wenn die Rede von der Priorität der sozialen Sicherheit ist, dann muß vor allem betont werden, daß der Aufbau einer Marktwirtschaft für uns kein Selbstzweck ist. Sinn und Ziel der Reformen besteht doch darin, daß die erforderlichen Bedingungen geschaffen werden, unter denen der Bürger Usbekistans, egal welcher Nationalität, welchen Glaubens oder welcher Weltanschauung, die Möglichkeit hat, sich als Persönlichkeit zu entfalten, seine Fähigkeiten und Begabungen einzusetzen und sein Leben besser, würdiger und geistig reicher zu gestalten.

In den Jahren der Unabhängigkeit wurde im Rahmen der realen wirtschaftlichen Möglichkeiten und zur Verfügung stehenden Mittel ein im Grunde ganz neuer Mechanismus der sozialen Sicherheit geschaffen. Dabei sind wir davon ausgegangen, daß in jeder Phase des Reformprozesses auch ein entsprechendes Konzept der Sozialpolitik entwickelt werden muß.

Mit dem Fortschreiten der Reformen und der Annäherung an den Markt ändern sich auch die Prioritäten in der Sozialpolitik und die Maßnahmen zur sozialen Sicherung und Unterstützung der Bevölkerung. In den einzelnen Phasen wurde ein ganzes Arsenal von Methoden und Verfahren der staatlichen Regulierung angewendet - so auch direkte Zahlungen in Form von regelmäßig zu überprüfenden Löhnen, Renten, Stipendien und Unterstützungen oder indirekte in Form von Steuern, Ausgleichszahlungen, Zuschüssen und Subventionen.

In der Anfangsphase des Überganges zur Marktwirtschaft beschnitten wir den Weg der vorbeugenden sozialen Sicherung der gesamten.Bevölkerung. Das war äußerst wichtig, um ein plötzliches Sinken des Lebensstandards zu verhindern und die Ruhe und Ordnung in der Republik zu bewahren.

In den ersten Jahren der Reform wurde ein System der Verbraucherstützung und verschiedene Formen des Schutzes der Verbrauchermärkte angewendet, um das Verschwinden von Grundnahrungsmitteln über die Grenzen des Landes zu verhindern.

Dies war ein zwingend notwendiger Schritt, der davon bestimmt wurde, daß wir die Kaufkraft der Bevölkerung auch nach Freigabe der Preise erhalten mußten.

Dann wurden Maßnahmen zur sozialen Sicherung und Unterstützung von kinderreichen Familien mit geringem Einkommen, Arbeitslosen, Personen ohne festes Einkommen und Studenten durchgeführt. Aus Haushaltsmitteln wurden soziale Unterstützungen finanziert, wie z.B. kostenloses Frühstück für Schüler der unteren Klassen und alleinstehende Rentner, kostenlose Nahrung für Kinder bis zwei Jahre sowie für schwangere Frauen, die an Anämie leiden, und Zuschüsse für die Schulspeisung und die Mensaspeisung der Studenten. Finanzielle Unterstützungen wurden auch für kommunale Dienste, Fahrten in städtischen Verkehrsmitteln, junge Mütter u.a. gewährt.

Durch diese Vorgehensweise ist es Usbekistan gelungen, im Land, das am Vorabend der Reformen die ungünstigsten Startbedingungen und spürbare soziale Gegensätze hatte, soziale Konflikte zu vermeiden.

Die vorbeugenden Sozialmaßnahmen haben es möglich gemacht, die gesellschaftliche und politische Stabilität zu erhalten und die Bevölkerung von der Richtigkeit des eingeschlagenen Reformkurses zu überzeugen.

Gleichzeitig hat eine gründliche Analyse der in der Anfangsphase ergriffenen Sozialmaßnahmen aber auch Mängel gezeigt, vor allem die Verschwendungssucht und die Förderung der Erwartungshaltung, versorgt zu werden. Die Beihilfen und Unterstützungen wurden gleichmäßig auf die ganze Bevölkerung verteilt, ohne den Grad der wirklichen Bedürftigkeit zu berücksichtigen. Dadurch kam es, daß zum Teil auch Familien unterstützt wurden, die keineswegs zu den Bedürftigen zählten.

Mit dem Fortschreiten der Reformen und der Entwicklung der marktwirtschaftlichen Verhältnisse wurden daher wesentliche Korrekturen an den Schwerpunkten der Sozialpolitik vorgenommen. Besonderes Gewicht wird nun auf die Unterstützung tatsächlich bedürftiger Familien gelegt. Es wurde viel geleistet, um ein System der gezielten sozialen Sicherstellung der Bevölkerung zu entwickeln und durchzusetzen. Das ganze Netz der sozialen Unterstützung war nun auf die Beseitigung der Gleichmacherei und der Versorgungserwartung gerichtet. Alle Hilfe und materielle Unterstützung wurde von nun an nur über die Familie gewährt, und die Hauptempfänger sind Familien mit geringem Einkommen, alte Menschen und Kinder. Das neue System der sozialen Sicherung zeichnet sich durch eine strenge Differenzierung der verschiedenen Bevölkerungsschichten aus.

Die Verbesserung der sozialen Sicherheit der Bevölkerung und die Erhöhung ihres Wirkungsgrades führen wir auf die Lösung folgender Hauptaufgaben zurück:

Erstens. Stabilisierung und stetige Weiterentwicklung der Produktion. Die Ergebnisse der Durchführung von wirkungsvollen anti-inflationären Maßnahmen und der beschleunigten Entwicklung der Produktion von Waren für den Bevölkerungsbedarf sowie der Stabilisierung der nationalen Währung und des Verbraucherbinnenmarktes machten es möglich, daß bereits in der Anfangsphase der Reformen ein zu starkes Absinken des Lebensstandards aufgehalten werden konnte.

Die Kindersterblichkeit ist gesunken und die Lebenserwartung gestiegen, die Kriminalität ging zurück und ist die geringste von allen Ländern der GUS.

Die Stabilisierung der Wirtschaft, die Belebung der Investitionstätigkeit und der Unterstützungskurs für kleine und mittlere Unternehmen bieten günstige Voraussetzungen dafür, daß neue Arbeitsplätze geschaffen werden, das Beschäftigungsproblem gelöst und die Zahl der Beschäftigten, die Kurzarbeit leisten bzw. bezahlten oder unbezahlten Zwangsurlaub nehmen müssen, reduziert werden kann.

Obwohl Usbekistan ein Land mit einer komplizierten demographischen Struktur ist, in dem das Problem der Arbeitsvermittlung schon immer äußerst schwierig war, verzeichnet die Republik heute, dank ihrer stabilen wirtschaftlichen Entwicklung, eine der niedrigsten Arbeitslosenstatistiken. Dennoch haben wir uns vorgenommen, von nun an eine aktive Politik zur Sicherung der Beschäftigung durch strukturelle Umgestaltung der Wirtschaft, durch den Bau von Kompaktanlagen vor allem in ländlichen Bereichen und die Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen durchzuführen.

Zweitens. Neben den staatlichen Quellen sind Mittel von Arbeitsgemeinschaften, gesellschaftlichen Organisationen und Wohltätigkeitsfonds stärker in Anspruch zu nehmen.

Auf dem Gebiet der sozialen Unterstützung der Bevölkerung müssen die Rechte und die Verantwortlichkeit der örtlichen Macht- und Verwaltungsorgane bedeutend erweitert werden, die unter Berücksichtigung der regionalen Möglichkeiten befugt sind, zusätzliche Maßnahmen zur sozialen Unterstützung der Bevölkerung einzuleiten. Die wichtigste Aufgabe der örtlichen Organe besteht jedoch darin, den Leuten die Möglichkeit zu bieten, durch Arbeit ihren Wohlstand zu erhöhen.

Die Sozialpolitik und ihre Realisierungsmechanismen müssen darauf gerichtet sein, die Bedingungen für eine höhere Beschäftigung und die Förderung des Unternehm-ungswillens der Leute zu schaffen.

Drittens. Entwicklung eines funktionierenden Motivationsmechanismus, der geeignet ist, alle Kräfte und Fähigkeiten der Menschen zu aktivieren. In erster Linie müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, unter denen die wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen mit seiner wirtschaftlichen Verantwortlichkeit für seinen eigenen Lebensstandard und den seiner Familie in Einklang gebracht werden kann.

Der Verlaß auf die eigene Tüchtigkeit und Arbeit soll zur einzigen und sichersten Quelle für den Wohlstand werden. Hierfür ist es sehr wichtig, die Förderung des Privateigentums zu beschleunigen. Die Anpassung an marktwirtschaftliche Bedingungen hat bereits dazu geführt, daß das Gesamteinkommen der Bevölkerung heute schon zu einem großen Teil durch Unternehmertum und Einkünfte aus Eigentum bestritten wird.

Viertens. Eine zu starke und ungerechte Abstufung im Einkommen und Lebensstandard der Bevölkerung soll nicht zugelassen werden, sondern es soll eine Gesellschaftsschichtung entstehen, die den sozialen Frieden gewährleistet.

Die getroffenen Maßnahmen zur sozialen Sicherung haben verhindert, daß es zu krassen Unterschieden im Einkommen der Bevölkerungsschichten kommt. Der Abstand zwischen den Einkünften der gut verdienenden Bevölkerungsgruppen und denen mit geringem Einkommen konnte teilweise um das 7,5fache bzw. in Grenzfällen sogar um das 8fache verringert werden.

Fünftens. Kampf gegen die Armut und verstärkte staatliche Unterstützung von gefährdeten Bevölkerungsschichten.

Einer der Hauptmängel der neuen Gesellschaft ist die Armut. Keinem Land der Erde, auch nicht den reichsten, gelingt es, sie zu vermeiden. Es ist kein Zufall, daß die Vollversammlung der UNO das Jahr 1996 zum Internationalen Jahr der Bekämpfung der Armut erklärt hat.

In der Übergangszeit zur Marktwirtschaft ist das Problem der Armut noch stärker wahrzunehmen. Das hängt vor allem damit zusammen, daß neben den sozial schwachen Gruppen nun auch Bevölkerungsgruppen in diese Kategorie geraten, die früher nicht dazu gehörten und oft sogar zu denen mit mittleren oder höheren Einkommensklassen zählten.

Bei der Lösung des Problems der Armutsbekämpfung bedürfen die sogenannten "anfälligen Gruppen", die durch die neuen Umstände stark von der Armut bedroht sind, der besonderen Aufmerksamkeit: Behinderte, alleinerziehende Mütter, Waisenkinder und alte Menschen. Die zu gewährende Sozialhilfe muß jedoch in diesen Fällen ganz eindeutig und zielgerichtet eingesetzt werden.

Ein Eckstein unserer Sozialpolitik ist die Orientierung auf die soziale Förderung der Familie. Bei der Festigung der gesellschaftlichen Fundamente unseres Staates, seiner Stabilität, bei der Erziehung einer körperlich gesunden und geistig aufgeschlossenen heranwachsenden Generation, von der das künftige Schicksal unserer Nation abhängt, messen wir der wachsenden Rolle der Familie eine riesige Bedeutung bei. In der Republik wurden starke Garantien für den Schutz von Mutter und Kind geschaffen, das Bildungssystem und die Berufsausbildung der jungen Generation werden reformiert, es wurden verschiedene gesellschaftliche Fonds gebildet, die zur Förderung der Familie bestimmt sind und aus denen ihr materielle Unterstützung gewährt wird. In den letzten Jahren wurde ein neues System von Beihilfen eingeführt, das sozial schwache Bevölkerungsschichten über die Familie unterstützen soll.

Unter Berücksichtigung der Besonderheiten unserer nationalen Mentalität und Lebensweise wurde eine Form der Sozialhilfe angewendet, die großen Zuspruch fand: Auswahl von sozial besonders benachteiligten Familien und Zuteilung einer bestimmten materiellen Unterstützung durch die Machallja-Komitees. Diese Art der Hilfe hat jahrhundertealte Wurzeln in unserer Bevölkerung und garantiert, wie die Praxis beweist, daß die zur Unterstützung sozial schwacher und bedürftiger Bevölkerungsschichten bestimmten Mittel wirklich an die richtige Adresse gelangen. Der von uns eingeführte neue Mechanismus zur Förderung der Familie stützt sich auf die nationalen Traditionen der Nachbarschaftshilfe Lind gegenseitigem Unterstützung und garantiert gleichzeitig ein demokratisches und offenes Vorgehen bei der Entscheidung über die Zuteilung von materieller Hilfe.

Zusammenfassend möchte ich betonen, daß der Förderung der politischen und sozialen Aktivität der Bevölkerun2 die 2rößte Bedeutung bei der Verwirklichung der gestellten Aufgaben zukommt.

Die Erneuerung und den Fortschritt in unserem Lande können wir nur dann erringen, wenn wir unseren Bürgern die größtmöglichen Rechte und Freiheiten gewähren und, wenn Sie so wollen, ihre aktive Mitwirkung am gesellschaftspolitischen Leben unserer Gesellschaft stimulieren.

Es ist äußerst wichtig, daß jeder Mensch sich als Bürger seines Landes fühlt und die ihm zustehenden Rechte und Freiheiten bewußt genießt, daß er die demokratischen Werte, die so mühsam errungen worden sind, hoch schätzt und verteidigt.

Bei der Förderung der gesellschaftlichen Aktivität der Menschen und bei der Lösung vieler entstandener Probleme unseres Lebens spielen die gesellschaftlichen, nichtstaatlichen Strukturen eine große Rolle.

Wir müssen uns eindeutig klarmachen, daß es zur Zeit keine starken, massenhaften Gegengewichte in unseren Gesellschaftsstrukturen gibt, aber daß es auch keine wirklichen Garantien gegen Rückschläge auf allen Ebenen, gegen Erscheinungen des Subjektivismus und Verstöße gegen das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit geben wird.

Wenn man die soziale Situation in unserer Republik unter diesem Gesichtspunkt einschätzt, so kann man mutig behaupten, daß die schwersten Prüfungen, die unser Volk überstehen mußte und die in der Übergangsphase unvermeidlich sind, bereits hinter uns liegen. Alles, was mit beschränktem Denken und ideologischer Bevormundung zu tun hat, gehört der Vergangenheit an, es wächst das Gefühl der Mitverantwortung für alles, was innerhalb und außerhalb des Landes vor sich geht. Die manchmal auch etwas bitteren Erfahrungen, die in den Jahren der Unabhängigkeit nicht nur im eigenen Lande gemacht wurden, sondern sich auch am Beispiel anderer Länder zeigen, haben vielen die Augen geöffnet und die Menschen weiser und toleranter gemacht.

Es sind gewaltige menschliche Schöpferkräfte freigesetzt worden, eine hohe Moral und Kultur ist entstanden, und die besten nationalen Traditionen sind wiederbelebt worden.

Es gibt heute praktisch keine Faktoren mehr, die sich negativ auf den materiellen Wohlstand der Menschen auswirken könnten. Im Gegenteil, die stabilisierenden Faktoren, die günstigen Voraussetzungen und zuverlässigen Garantien für einen Anstieg des Lebensstandards gewinnen immer mehr an Wirkung.

Doch was das Wichtigste ist - es verändert sich das Denken und die Weltanschauung des Menschen und Bürgers, sein politisches und gesellschaftliches Bewußtsein, sein allgemeines Niveau wächst dynamisch. Wir sind heute nicht mehr dieselben, die wir vor fünf Jahren waren. Ich bin sicher, daß Menschen mit solchen Überzeugungen durch keine andere Macht von dem einmal gewählten Weg abgebracht werden können.

 

[ HOME ]