Das Ende des 20. Jahrhunderts ist das Jahrhundert der wissenschaftlichen
Entdeckungen, des Aufbruchs der Menschheit zu den Geheimnissen des Weltalls,
ein Jahrhundert der Information und der durchbrechenden technischen
Möglichkeiten und wurde, als sei es nicht paradox genug, zur Zeit der
Renaissance der religiösen Werte, zur Zeit der einzigartigen Umkehr zu nicht
bedrängten, ihre Nichtigkeit verlierenden religiösen Werten.
Der Islam als eine der großen Weltrellgionen stellt keine Ausnahme dieser
globalen Tendenz dar. Im Gegenteil erlauben es die Geschehnisse, die nicht nur
in der muslimischen Welt in den letzten zehn Jahren passierten, von einem
"islamischen Boom" in der Welt zu reden.
Viele Politiker, Wissenschaftler und Journalisten versuchten ihr
Verständnis der Gründe für die Erscheinungen am Ende des 20. Jahrhunderts
aufzuarbeiten. Die Arbeiten hierzu erhielten solch unlerschiedliche Titel wie:
"Die islamische Renaissance", " Re-Islamisierung", "Das islamische Phänomen"
usw. Sich nicht auf die Diskussionen über das Verständnis einlassend, sollte
die Aufmerksamkeit darauf zugespitzt werden, daß die Vorgänge, die sich unter
dem Banner der Auferstehung der islamischen Werte abspielen, Erscheinungen
sind, die sehr verschiedenartig, vielschichtig, zeitweise widersprechend und
sogar verschiedenpolig sind.
Statt dessen ist es offensichtlich, daß neben dem großen Interesse, das
die Weltgemeinschaft für diese Prozesse zeigt, das Gefühl der Vorsicht und
zeitweisen Besorgnis deutlich auftritt, in Verbindung mit den extremen
Erscheinungen, wie dem religiösen Extremismus und Fundamentalismus. Leider
traten in der neuesten Geschichte einige Faktoren auf, die davon zeugen, daß
diese äußerst radikalen Erscheinungen im Leben schwerwiegende Konflikte und
Widersprüche hervorrufen, die Stabilität und Sicherheit gefährden und daher
die Menschen ,verängstigen. Deutliche Beunruhigungen rufen, vom Standpunl-,t
der Unumgänglichkeit der Stärkung der Souveränität Usbekistans und der
Gewährleistung seiner Sicherheit, diese Erscheinungen auch bei uns hervor.
Bevor wir zur unmittelbaren Analyse der potentiellen Gefahren für unsere
Region kommen, die im religiösen Extremismus und Fundamentalismus liegen,
möchte ich die Aufmerksamkeit auf die hochdelikaten Probleme lenken, die
mit der religiösen Überzeugung der Leute zusammenhängen, die bei
ihnen das Verständnis für den Unterschied zwischen dem ideellen Wert der
Religion und den konkreten Ambitionen, die weit von der Religion
entfernt sind, sowie für politische und andere aggressive Ziele
hervorrufen, die bestimmte Kräfte anstreben, indem sie Losungen nutzen,
die häufig islamischen Ursprun2s sind.
Allein die Tatsache des über einen Zeitraum von Jahrtausenden ständigen
Bestehens der Religionen, zu denen auch der Islam gehört, zeugt davon, daß sie
ein Kernbestandteil des menschlichen Daseins darstellen und in ihm eine ganze
Reihe von eigentümlichen Funktionen erfüllt. Die Religion ist vor allem ein
Bereich des geistigen Lebens einer Gesellschaft, einer Gruppe, eines
Individuums, das diese in sich aufnimmt. Die Religion spiegelt allgemeine
sittliche Normen der Menschen wider, führt diese in allgemeingültige
Verhaltensregeln über, hat einen bedeutenden Einfluß auf die Kultur,
ermöglichte und ermöglicht die Überwindung der Isolation des Menschen sowie
seiner Entfremdung von anderen Leuten.
Besonders wichtig ist, daß die Religion (wir haben allen Grund dies am
Beispiel vom Islam - Religion unserer Väter und Großväter - zu bestätigen),
indem sie den Glauben der Leute stärkte, sie reinigte und aufrichtete, ihnen
Kräfte für die Überwindung der Herausforderungen, Probleme und Unglücke des
Lebens gab, als einzige Form der Weitergabe der allgemeinen menschlichen und
geistigen Werte von einer Generation an die nächste erscheint und dies erst
ermöglichte. Genau deswegen erweist sich die Religion als zuverlässiger
Begleiter des Menschen und Teil seines Lebens.
Wenn man die große Rolle der Religion anerkennt, so muß man auch die
Tatsache anmerken, daß die religiöse Weltanschauung nicht das einzige Mittel
des Denkens und der Beziehung des Menschen zur Umwelt, zu seinesgleichen ist.
Parallel dazu kommt den Menschen das gleiche Daseinsrecht zu, was sich unter
dem sogenannten weltlichen Denken und der weltlichen Lebensanschauung
entwickelte.
Es ist möglich, daß gerade dieses Dasein leider nicht immer friedlich ist.
Die verschiedenen Wege zum Verständnis des Lebenssinns hatten auch Reichtum
und eine Vielfältigkeit der Umgebung des Menschen zur Folge. Sie erwiesen sich
als Anstoß für seine Entwicklung, weil die Gesellschaft, die aus einheitlich
gleich denkenden Menschen besteht, aus einer farbigen zu einer grauen wird.
In der modernen Welt, in der wir den Selbstwert und den Vorrang des
Menschen und seine Persönlichkeit anerkennen, wandelte sich ein aufgetretener
Widerspruch in die Anerkennung seines Rechts auf freie Gedanken, auf freie
Religionsausübung oder auch auf keine Religionsausübung um. Ein Mensch kann
sich nicht seine Rassenzugehörigkeit oder die Zugehörigkeit zu einer
ethnischen Gruppe aussuchen, ebenso nicht seine Eltern. Die weltanschauliche,
sittliche und gedankliche Auswahl muß er jedoch ohne irgendeinen Druck und vor
allem ohne Zwang selber treffen. Und diese Wahl muß geachtet werden.
Die Religion, die sich als Teil des Lebens darstellt, hat unausweichlich
Berührungspunkte und einen Einfluß auf verschiedene Lebensbereiche, ebenso wie
diese Lebensbereiche auf die Religion zurückwirken. Daher bildeten sich nicht
nur zufällig ein Großteil der heute existierenden religiösen Gemeinschaften in
einer Periode der sozialökonomischen und politischen Umbrüche und Krisen. So
haben die Religionen in den verschiedenen Perioden der Menschheitsgeschichte
mehr oder weniger deutlich auf die Politik Einfluß genommen, und dies nicht
immer mit passenden Zielen.
Leider kennt die Menschheitsgesch'chte nicht wenige Beispiele, wobei das
unabdingbare Element des religiösen Bewußtseins, der Glauben der Leute, nicht
als schaffende, sondern als zerstörerische Kraft mißbraucht wurde, wie
Fanatismus, mit den ihm eigenen Eigenschaften oder Erscheinungen, welche sich
in der leidenschaftlichen Überzeugung äußern, daß nur die eigene Konfession
die einzig wahre ist und der völligen Ablehnung aller anderen gegenüber.
Gerade die Gruppen, welche den Fanatismus in sich tragen, können eine
große Welle der Destabllisierung der Gesellschaft auslösen, und dies um so
mehr, als das Element des Massenauflaufs das Gefühl für die persönliche
Verantwortung für Handlungen wegspült. Das gibt der Bewegung zusätzlich den
Anstrich einer "Volksbewegung".
Die Überzeugung über das eigene vorbehaltlose Recht und den Besitz des
Monopols auf die Wahrheit, kann Grundlage für das Entstehen eines religiösen
Extremismus sein, der sich durch den Hang zu äußersten, teilweise auch
gewalttätigen Taten auszeichnet. Hierbei können als Objekt der Beeinflussung
sowohl eine konkrete Person als auch soziale Gruppen, vor allem Andersdenkende
oder Vertreter ihrer Konfession, ausgewählt werden, die von den Würdenträgern
dieses Glaubens abgelehnt werden
Der Wahrheit wegen muß man anerkennen, daß die "Auswüchse" des religiösen
Fanatismus nicht nur durch religiöse Widersprüche, sondern auch durch viele
offenstehende soziale, politische und ökonomische Probleme bedingt werden.
Eigentlich führen genau diese Probleme auch zum Fanatismus anderen Inhaltes,
wie dem Bolschewismus oder dem nationalistischen Fanatismus und ähnlichem.
Das religiöse System ist von sich aus nicht dazu berufen, irgendwelche
Empfehlungen für die Lösung sozialökonomischer Probleme zu geben. Der Aufruf
der religiösen Fundamentalisten zur Rückkehr zu den Bedingungen, unter denen
die bestehenden Religionen entstanden, kann wohl kaum als konstruktiv und
realistisch angesehen werden.
Das Phänomen der Verstärkung des religiösen Faktors während der letzten
zehn Jahre in der Welt fand seinen Niederschlag auch in dem Gebiet, welches
als postsowjetisch bezeichnet wird. Natürlich kam das religiöse Leben auch
unter den Bedingungen der Herrschaft eines administrativ führenden Systems
nicht zum Erliegen, sondern nahm nur andere Formen an. Das Ende der 80er Jahre
und der Beginn der 90er Jahre wurden auf der einen Seite zur Zeit der
Wiedergeburt der Rolle der Religionen in der Gesellschaft und auf der anderen
zur Formierung der Vorbedingungen für die Konflikte aufdieser Ebene.
Die Aktualität dieses Problems erfordert eine aufmerksame Beziehung zu den
Gründen der Verstärkung des islamischen Faktors in jedem Bereich seiner
Mannigfaltigkeit in unserer Region in der Phase des Aufbaus und der Stärkung
der Unabhängigkeit der Staaten in der Region.
Erstens: Dies ist das Scheitern der Systeme früherer ideologischer
Vorstellungen und Werte und die Unumgänglichkeit des Ausfüllens des sich seit
einiger Zeit bildenden Vakuums.
Es ist allgemein bekannt, daß die kommunistische Ideologie, mit ihrer
Unausgereiftheit, dem Fanatismus und dem Gegen-die-Nation-gerichtetSein, einen
eigenen Beitrag für die Bildung der Vorbedingungen für den religiösen
Fundamentalismus und Traditionalismus auf dem Gebiet der ehemaligen
Sowjetunion darstellte, und dies nicht nur in Hinsicht auf den Islam, sondern
auch in Hinsicht auf das Judentum und die christlichen Konfessionen, wie der
russisch-orthodoxen, der römisch-katholischen, der armenisch-gregorianischen,
der lutherischen Kirche, der baptistischen und anderer Gemeinschaften. Dies
alles können wir anschaulich am Beispiel Usbekistans sehen, wo mehr als 100
Völker und Nationalitäten sowie ca. 15 Konfessionen vertreten sind.
Die Führung der in der ehemaligen UdSSR regierenden kommunistischen Partei
betrachtete die religiösen Gemeinschaften als ihre Konkurrenten im Kampf um
die Gedanken der Nationalitäten und befleißigte sich im Laufe ihrer ganzen
Geschichte der grausamsten Mittel für die Einschränkung der Religionen und der
Vernichtung und Unterdrückung der treu gebliebenen Geistlichkeit. Zehntausende
von geistlichen Würdenträgern des Islams wurden Repressalien ausgesetzt.
Tausende Moscheen und hunderte Medresen (islamische Hochschulen), Gebäude, von
denen viele einen architektonischen und historischen Wert für unser Volk und
die gesamte menschliche Zivilisation darstellen, wurden zerstört. Die Masse
der bis in die Mitte der 90er Jahre Gläubigen hatte keinen Zugang zum Koran.
Die Religion wurde künstlich zu einer der angespanntesten Fronten des
ideologischen Kampfes gemacht.
Aus diesen Gründen konnte es in den zentralasiatischen Republiken
der ehemaligen UdSSR in denen ein Verbot des isla nisch,-n Glaubens
existierte, keine bemerkenwerte, Anzahl von Gelehrten geben. Dahingegen
gediehen alle erdenklichen Aberglaubenteilweise auch reaktionäre,
deren Anhänger heute bisweilen mit dem Anspruc i aut- die
einzige Wahrheit auftreten und diese der gesamten Bevölkerung
aifzwiigen sowie geradezu über die Schicksale der Leute verfügen.
Heute und in Zukunft wollen wir in Usbekistan weder die traurigen
Erfahrungen der sowjetischen Periode noch die neuen äußersten Notlagen
zulassen, deren Zeugen wir in den ersten Jahren unserer Unabhängigkeit wurden.
Zweitens: Das Anwachsen der nationalen Selbsterkenntnis, die Suche
nach der eigenen ethnischen Identifikation, zu deren wichtigstem Element
traditionell die religiöse Orientierung zählte.
Interessant ist die Meinung über die Rolle der Religionen in den neuen
unabhängigen Staaten Zentralasiens, insbesondere des Islams, welche sich unter
den westeuropäischen Experten bildete. Entsprechend deren Einschätzungen und
der Einschätzung von der häufig besseren und dienlicheren eigenen Warte aus,
ist der Islam, während der Phase der nationalen Identifikation der Völker
Zentralasiens, in der Lage, vollkommen gegensätzliche Funktionen zu erfüllen:
Auf der einen Seite markieren die islamischen kulturellen Werte und
Traditionen, jenes große geistige Erbe, welches durch den Weltislamismus
geschaffen wurde, in vielem nicht nur den Beitrag zur historischen Entwicklung
unserer Region, sondern das sich heute aus ihr formende, qualitativ neue
Äußere.
Auf der anderen Seite wird der Islam als Waffe für den politischen
Kampf um die Hebel für den Einfluß auf das politische Bewußtsein der Massen
eingesetzt, wobei er in der Lage ist, die Rolle eines Banners zu übernehmen,
unter dem sich Kräfte vereinen, die keinen bestimmten programmatischen Zielen
nachgehen, sondern sich nur von einer Zielsetzung leiten lassen: den Kampf um
die Macht.
Prit.tens. Scharfe Veränderungen im sozialpolltischen und ökonomischen
Bereich. Dies ist möglicherweise der wichtigste Punkt.
Die unausweichlichen Kosten der Reformierung in der Übergangsphase, der
objektive Vorgang der Trennung der Bevölkerung und die selbstverständlichen
Unterschiede in den Besitzmerkmalen veranlassen einen Teil der Bevölkerung
dazu, nicht den Anwendungsbereich für die eigenen Kräfte, das eigene Wissen
und die eigenen Fähigkeiten für das Allgemeinwohl zu suchen, sondern von der
Position auszugehen, die der sowjetischen Mentalität entspricht, für die
Rückkehr zur ruinierenden und illusorischen Gleichheit, den falschen Kampf
gegen den Luxus und den Überfluß einzutreten, die so im Kern einer
Gleichmacherei entspricht, welche die Leute und den arbeitenden Teil
der Gesellschaft nivelliert.
In der Phase des Stillstands, der Krise und des Zerfalls der Gesellschaft
zeigt sich der Populismus der ausländischen Wachabismus in der Predigt für die
Gerechtigkeit, der Forderung nach strenger Einhaltung der moralisch-ethischen
Normen des Islams und der Erklärung des Ablehnens von Luxus und Gewinnsucht.
Ähnliche Schlagwörter erfuhren leider eine Verbreitung und fanden
Unterstützung auch in den entlegenen Regionen Zentralasiens in der letzten
Vergangenheit und in unseren Tagen.
Viertens: Usbekistan und andere zentralasiatische Staaten
erscheinen als unabdingbarer Bestandteil der sehr komplizierten und
vielschichtigen islamischen Welt. Es ist kein Geheimnis, daß in dieser Welt
formelle und unformelle Bewegungen existieren, die den Islam für ihre
politischen Ziele benutzen, wobei man sich nur auf die Positionen entweder der
Anerkennung der alleinigen Daseinsberechtigung des Islams, oder der Ablehnung
anderer Religionen, oder der Nutzung des Islams als Plattform für die
Verteidigung engstirniger nationaler Interessen bezieht.
Die Bestrebung, die neuen unabhängigen Staaten Zentralasiens in die Reihe
ihrer Gesinnungsgenossen und Verbündeten einzubeziehen und auf sie ihren
Einfluß auszuüben, ist nicht nur für die ideologischen Zielsetzungen dieser
Kräfte charakteristisch, sondern nimmt auch schon konkrete Verhaltensformen
an.
Die vielzähligen grundsätzlichen Gründe für die Stärkung des islamischen
Faktors sind im vollen Umfang charakteristisch auch für das Verständnis der
Vorgänge der Intensivierung des religiösen Lebens in Usbekistan.
Heute sind in der Republik 15 Konfessionen tätig, wobei ein Teil von ihnen
für Usbekistan keine traditionellen Religionen darstellen. In den
gegenseitigen Beziehungen zu ihnen zeigt sich der Staat weltoffen, indem er
sich an die folgenden Prinzipien hält:
- Achtung der, religiösen Gefühle der Gläubigen,
- Anerkennung der religiösen Überzeugungen als persönliche Angelegenheit
der Bürger oder ihrerVereinigungen,
- Garantie gleicher Rechte und das Nichtzulassen der Verfolgung sowohl der
Bürger, die sich zu religiösen Ansichten bekennen, als auch derer, die sich
nicht zu ihnen bekennen,
- Unabdingbarkeit des Suchens nach dem Dialog mit den verschiedenen
religiösen Vereinigungen zur Ausnutzung ihrer Möglichkeiten im Sinne des
geistlichen Wiederaufbaus und der Stärkung der moralischen Werte der
Gesellschaft,
- Anerkennung des Nichtzulassens des Miß-
brauchs der Religionen für destruktive Ziele.
Der letzte Punkt entspricht dem § 18 des internationalen Abkommens über
Bürgerrechte und politische Rechte, in welchem nicht nur das Recht eines jeden
Menschen auf freie Gedanken und Überzeugungen bekräftigt wird, sondern auch
folgendes festgestellt wird: "Die Freiheit, sich zu einer Religion oder
Überzeugung zu bekennen unterliegt keinen Einschränkungen, die durch Gesetze
gemacht werden und ist eine Grundvoraussetzung für die Erhaltung der
Sicherheit der Gesellschaft, Ordnung, Gesundheit und Moral, ebenso wie für die
Grundrechte und Freiheiten der anderen Individuen"
Wir treten dafür ein, daß die Religionen weiterhin der Bevölkerung die
höchsten geistigen, moralischen und sittlichen Werte und das historische
und kulturelle Erbe näherbringen. Wir werden es jedoch nie zulassen,
daß religiöse Schlagwörter zu Zeichen des Kampfes um die Macht und ein Weg für
die Einmischung in die Politik, Wirtschaft und Jurisprudenz werden, weil wir
hierin ein bedeutendes Potential für die Gefährdung der Sicherheit und
Stabilität unseres Staates sehen.
Worin besteht die Gefahr des islamischen Fundamentalismus in Hinsicht auf
Usbekistan?
Erstens: in dem Versuch, durch seine Verbreitung das Vertrauen der
gläubigen Moslems in die Reform des Staates zu unterwandern und die Stabilität
sowie das nationale, bürgerliche und internationale Verstehen, als prioritäre
Bedingung für die Änderung zum Besseren, zu zerstören. Die Islamisten haben
die Diskreditierung der Demokratie, des weltoffenen Staates und der
multinationalen, multireligiösen Gesellschaft zum Ziel.
Zweitens: Man muß sich unbedingt vergegenwärtigen, und dies gilt
vor allem für unsere Jugend, daß diejenigen, welche den populistischen,
verführerischen, insgesamt jedoch grellen und haltlosen Schlagwörtern der
Fundamentalisten über die einzige Wahrheit folgen, sich zu Geiseln eines
fremden Willens machen, der schlußendlich nicht nur ihre Gedanken leitet,
sondern auch ihre Schicksale. Der Ausweg aus der Unterwerfung unter solche
Autoritäten kann sich in eine persönliche Tragödie umkehren. Zu den schwersten
Folgen gehören das In-Ketten-Legen und die Versklavung der Persönlichkeit und
die vollständige Einschränkung der Gedankenfreiheit, des eigenständigen
Handelns und der Initiative, ohne die unsere Bewegung zum Fortschritt
undenkbar wäre.
Drittens: im Provozieren des Widerstandes der Bevölkerung einiger
Regionen des Landes und einiger sozialer Schichten unter dem Zeichen der
"wahrhaftigen" und "unwahren" Religiosität, die schon in Algerien und
Afghanistan zum Auseinanderbrechen der Nation führte.
Viertens: im Andauern des Zustandes eines nicht verstummenden
Bürgerkrieges an unseren südlichen Grenzen und in den angrenzenden Ländern,
der neue Generationen von Terroristen und Kämpfer hervorbringt, die sich echte
Muslime, Kämpfer für den Glauben, nennen und danach dürsten, ihre
unmenschlichen Vorstellungen unserem Volk aufzuzwingen.
Fünftens: in der Schaffung eines abstoßenden Bildes von Usbekistan,
sowohl unter den muslimischen als auch unter den nicht muslimischen Ländern
und ihrer Gesellschaften, mit dem sie uns als Ungläubige, Atheisten und
versteckte Anhänger einer staatlichen Islamisierung darstellen wollen.
Sechstens: in der Schaffung einer globalen Konfrontation zwischen
der islamischen und nicht islamischen Welt, die äußerst negative Auswirkungen
auf die Vorgänge der Integration der neuen unabhängigen Staaten in die
Weltgemeinschaft hat und deren Fernbleiben von ihr konserviert. Und dies
stärkt, was besonders schwer wiegt, bei den Leuten die Erwartung eines
"Zusammenstoßens der Zivilisationen" auf Grund von religiösen Merkmalen.
Siebtens: in der Überzeugung der Massen darüber, daß die Ausübung
der Religionen das universelle Mittel für die Lösung aller ökonomischen,
politischen und internationalen Probleme und Widersprüche ist.
In der letzten Zeit tauchten in der ausländischen Presse Berichte auf,
wonach die usbekische Führung selber nicht an eine Gefährdung durch den
Fundamentalismus glaubt, sondern, womit derWesten beunruhigt wird, durchaus
konkrete Ziele
verfolgt.
Zudem ist bekannt, daß es unter den Analytikern und islamischen
Geisteswissenschaftlern im Westen populär wurde, den Fundamentalismus als
keinerlei Gefahr für die Weltgemeinschaft anzusehen, welche sich überwiegend
gegen die "eigenen" Staaten richtet. Angeblich sind die Islamisten, welche
diese Staaten überwinden und nach ihren eigenen Vorstellungen umgestalten
wollen, bestens zu einem Dialog mit der Weltgemeinschaft bereit. Besonderes
Entzücken ruft bei diesen Spezialisten hervor, daß ein nicht geringer Teil der
Fundamentalisten eine technische oder medizinische Hochschulausbildung an
europäischen und amerikanischen Universitäten erhielt. Haben diese Leute denn
ein tiefes Verständnis für die wahre Lage des muslimischen Ostens, der sich
nicht nur einmal einem Zerfall, der Zwietracht und Demütigungen ausgesetzt
sah?
Ich halte es für unbedingt notwendig, ohne diese Positionen zu
unterteilen, die Aufmerksamkeit auf eine andere Kategorie von Problemen zu
lenken.
Indem wir die Gefahren des islamischen Fundamentalismus reflektieren, sind
wir ständig dazu gezwungen, uns nicht nur seinen innerislamischen Gründen
zuzuwenden, sondern auch denen, die sie provozieren und anregen. Die Gründe
sind wohlbekannt. Diese sind der Kolonialismus und Neokolonialismus, der
Chauvinismus der Großmächte, das antimuslimische Diktat in den internationalen
Beziehungen sowie die Politik des "Aufteilens und Beherrschens". Hierzu muß
man noch die ökonomische Diskriminierung, den Hochmut und die Ablehnung der
zweifellosen Verdienste einer anderen Kultur und Zivilisation, die im
vorliegenden Fall schon mehrere Jahrhunderte lang in der islamisehen Welt
verwurzelt ist und ein Teil der Philosophie des Ostens ist, zählen.
Die Versuche der Ausnutzung der Idee für die Konsolidierung der
islamischen Welt und des Ausschlusses sowie der Blockade im Gegengewicht zu
den USA und Westeuropa zusammen mit anderen Machtzentren, erscheinen jedoch
perspektivlos. Eine solche Variation wurde zwischen den 50er und 80er Jahren
des auslaufenden Jahrhunderts ausprobiert. Sollte man sie mit in das 21.
Jahrhundert übernehmen?
Statt dessen sollten die Stellvertreter der entwickelten Länder die
Schmerzlichkeit des Bruchs der gewöhnlichen gesellschaftlichen Beziehungen,
der Lebensanschauung und des Weltbildes so verstehen, wie sie durch die
Muslime bewertet werden. Falls jemand den Islam oder Staaten des islamischen
Kulturkreises als neues "lmperium des Bösen", und eine allgemeine Gefahrenzone
darstellt, so wird dies zum tragischen Fehler für die gesamte zukünftige
Geschichte des 21. Jahrhunderts.
Es ist beeindruckend, wenn man hört, daß fortschrittliche Leute im Westen
dem Islam für das Aufblühen der eigenen und der globalen Zivilisation eine
hohe Bedeutung beimessen und der Meinung sind, daß es Zeit wird, die Schulden
zurückzuzahlen und Hilfe für den Fortschritt in der geistigen Gemeinschaft zu
geben, in der nahezu eine Milliarden Menschen leben.
Einflußreiche und machthabende Kräfte in der Welt, die gegen den
religiösen Fundamentalismus beliebiger Form eintreten, begreifen die Rolle und
Bedeutung Usbekistans für den Kampf für die normalen, friedlichen und
gegenseitig nutzbringendem Bedingungen für das Besteben der verschiedenen
Kulturen und Zivilisationen. Sie verstehen und unterstützen unser Land auf
seinem eigenen Weg derReformen.
Auch unsere Bürger und unsere Jugend müssen dies verstehen
und wertschätzen. Ebenso wie sie ihre Verantwortung gegenüber unserem Land und
gegenüber der Weltgemeinschaft im gesamten verstehen und sich ihr bewußt sein
müssen.